Radeln gegen die Uhr

Der Kampf der radelnden Essenslieferanten

Initiative „Liefern am Limit“ stellt sich vor

Foto: NGG

Wenn Keno Böhme an seine Zeit bei Deliveroo in Köln denkt, fällt ihm zuerst die Freelancerin ein. „Fünf Stunden lang musste die Kollegin auf einen Auftrag warten. Fünf Stunden, für die sie nicht bezahlt wurde – die angestellten Mitarbeiter aber schon.“ Böhme, einer der vier Gründer der Initiative „Liefern am Limit“, hat vieles erlebt bei den radelnden Essenlieferanten, die seit Februar 2018 bundesweit für Schlagzeilen sorgen. Weil sie am Rhein den ersten Betriebsrat bei Deliveroo in Deutschland gegründet haben.

Heute ist der 22-Jährige Projektsekretär bei der NGG und hier Fachmann für eine Branche, die vielen als „digitales Prekariat“ gilt. Auf dem Gewerkschaftstag zeigen Böhme und seine drei MitstreiterInnen Flagge. „Wir wollen die Radler ermutigen, in die Gewerkschaft zu gehen und Betriebsräte zu gründen“, sagt er. Man könne den „explosiv wachsenden“ Bereich der Essenskuriere nicht dem freien Markt überlassen. Das habe auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil erkannt, der schon mal persönlich in Köln vorbeigeschaut hat. Jetzt müsse die Bundesregierung Ernst machen und die sachgrundlose Befristung per Gesetz abschaffen, forderte Mohamed Boudih, Landesbezirksvorsitzender in Nordrhein-Westfalen.

Die Probleme bei den „Ridern“, wie sich die Lieferanten selbst nennen, betreffe die gesamte Plattformökonomie. Scheinselbstständigkeit, hohe Unfallgefahr, laufende Kosten für Handy und Fahrrad – die Palette ist lang. „Mittlerweile haben Anbieter wie Foodora auf die öffentliche Kritik reagiert und sozialversicherungspflichtige Jobs geschaffen. Aber die sind immer nur sechs Monate bis maximal ein Jahr befristet“, sagt Böhme. Ohnehin sei das Prinzip „last hired, first fired“ in der Branche an der Tagesordnung.

Der Kampf fängt gerade erst an. Arbeitsgerichte verhandeln derzeit die Fragen, ob die Radler Scheinselbstständige und die Kündigungen von Betriebsratsräten rechtens sind. Auf die Unterstützung der NGG können die Rider zählen: Unter kräftigem Applaus stimmten die Delegierten dem Antrag „#fairdelivery – Tagelöhnertum stoppen“ zu. Keno Böhme meint: „Auch wer das Ausliefern nur als Studi-Job macht, sollte sich in der Gewerkschaft einbringen. Am Ende geht es darum, unter welchen Bedingungen die Rider der nächsten Generation fahren.“