Demokratie ist schön, bedeutet aber viel Arbeit

Antragsmarathon fortgesetzt

Foto: NGG

Auch heute, am vierten Tag des NGG-Gewerkschaftstages in Leipzig, waren wieder Ausdauer und Sitzfleisch gefragt. Auf dem Programm standen zwei politische Foren als Einstimmung zu den Antragsblöcken B „NGG – modern und erfolgreich im Ernährungs- und Gastgewerbe“ und C „Gute Arbeit. Gutes Essen“.

„Schließt euch unserer Kampagne an!“

Kurz vor der Mittagspause sorgte eine gemeinsame Aktion von Nestlé- und Unilever-Beschäftigten unter dem Motto Mensch vor Marge“ für Aufsehen. Sie riefen zum internationalen Protest gegen die Renditegier der Konzerne auf. Hermann Soggeberg, Konzernbetriebsratsvorsitzender bei Unilever: „Das muss eine Bewegung werden! People before Profit! Wir sind alle im selben Boot. Schließt euch unserer Kampagne an! Menschen müssen immer vor dem Profit stehen!“

Viel Diskussionsstoff

Für viel Diskussionsstoff sorgte am Abend insbesondere der Antrag der jungenNGG „kein Fußbreit für die AfD in unserer Gesellschaft“, der in seiner ursprünglichen Form gefordert hatte, dass eine AfD-Mitgliedschaft unvereinbar mit der Mitgliedschaft bei der NGG sein müsse. Während die einen den Ausschluss von AfD-Mitgliedern forderten und sich dagegen wehrten, den Antrag „weichzuspülen“: „Wir brauchen ein politisches Signal, dass Gewerkschafter mit solchen Positionen nichts zu tun haben wollen – und zwar nach innen und nach außen“, traten die anderen dafür ein, „sich mit denen direkt auseinanderzusetzen“.

„Wir müssen jetzt alle Kräfte bündeln“

Im Anschluss an die Diskussion überreichte die jungeNGG einen Scheck mit Spenden von Teilnehmern der Bundesjugendkonferenz 2017 an Giovanni Pollice, den Vorsitzenden des Kumpelvereins „Gelbe Hand“, der sich gegen Rassismus und Ausgrenzung in der Arbeitswelt einsetzt: „Ich bin überwältigt von der Unterstützung durch NGG. Ihr macht eine tolle Arbeit. Wir müssen jetzt alle Kräfte bündeln, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa. Dort stehen Wahlen an. Mein Appell: Geht wählen!“

Sozialer Aspekt wichtig bei der Nachhaltigkeit von Lebensmitteln

Der Apfel als Genussprodukt

Foto: Simone M. Neumann

Mit einer von der Journalistin Nadine Lindner (Deutschlandfunk) moderierten lebensmittelpolitischen Diskussion startete der Gewerkschaftstag am heutigen Nachmittag in den Themenblock „Gute Arbeit. Gutes Essen“. Auf dem Podium saßen Dr. Margarete Büning-Fesel (Leiterin des Bundeszentrums für Ernährung, BZfE), Stefanie Sabet (Hauptgeschäftsführerin der Arbeitgebervereinigung Nahrung und Genuss e.V.), Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald (Vorstand der Schweisfurth Stiftung) und der NGG-Vorsitzende Guido Zeitler. Letzterer wies zu Beginn der Diskussion auf die große Bedeutung der Lebensmittelindustrie hin: „In jedem siebten deutschen Industrieunternehmen werden Lebensmittel produziert. Das macht die Branche zum drittgrößten Wirtschaftszweig Deutschlands mit rund 700.000 Beschäftigten“, so Zeitler.

Mehr pflanzliche Nahrungsmittel

Laut Prof. Gottwald gehört die Entwicklung neuer gesunder Produkte und plastikfreier Verpackungen zu den aktuellen Themen der Branche. Herausforderungen seien die Gen- und Biotechnologie ebenso wie die Digitalisierung. Stefanie Sabet lobte die von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner initiierte Vereinbarung zur freiwilligen Reduzierung von Fett, Zucker und Salz. Diese sei ein Innovationsbeschleuniger, so Gottwald, zumal man dem Verbraucher gesunde Alternativen zu den herkömmlichen Geschmacksträgern bieten müsse. Das brauche Zeit für neue Produktentwicklungen. Guido Zeitler bemängelt, dass die Vereinbarung über die Köpfe der Beschäftigten hinweg, ohne Beteiligung der Gewerkschaft zustande gekommen sei. „Wir haben so viele gesunde Produkte wie noch nie“, gab Dr. Margarete Büning-Fesel zu bedenken. Gleichzeitig sei die Zahl übergewichtiger Menschen viel zu hoch, so die Ernährungsexpertin weiter, der Konsum pflanzlicher Lebensmittel müsse deutlich erhöht werden.

Personalisierte Ernährung

Die Digitalisierung ist in der Ernährungswirtschaft in vielen Bereichen bereits stark vorangeschritten. „In der Lebensmittelproduktion sind wir längst in der kompletten Automatisierung angekommen, so Prof. Gottwald. Eine Antwort darauf müssen die Sozialpartner gemeinsam geben, entgegnete die Arbeitgebervertreterin Sabet. Für die NGG stehe dabei die Qualifizierung im Mittelpunkt, so Guido Zeitler.

„Wir haben die globale digitale Werkbank. Das Gros der Produkte wird weltweit unter prekären Bedingungen hergestellt“, sagt Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald. „Der gemeine Apfel ist da schon ein Genussprodukt!“ Gleichzeitig bestärkte er das Plenum darin, sich als Gewerkschafter in dem hart kapitalgetriebenen Markt der Lebensmittelindustrie für soziale Nachhaltigkeit stark zu machen.  

Unter dem Stichwort „Gute Arbeit. Gutes Essen." legt die NGG auf ihrem Gewerkschaftstag einen Fokus auf die Arbeits- und Tarifbedingungen in der Lebensmittelindustrie. Der gesamte Kongress steht unter dem Motto „Frische Rezepte für gute Arbeit".

„NGG – modern und erfolgreich im Ernährungs- und Gastgewerbe“

Politisches Forum zum Antragsblock B

Foto: NGG

Diejenigen Delegierten, die ihre Morgengymnastik versäumt hatten, konnten diese heute im Politischen Forum zum Antragsblock B „NGG – modern und erfolgreich im Ernährungs- und Gastgewerbe“ ganz nebenbei nachholen: Sie waren aufgefordert, nach kurzen Faktenchecks zu den Themen „Tarifpolitik“, „Organisationsentwicklung“, „Plattformökonomie“: Lieferdienste“ und „jungeNGG“ jeweils Fragen zu beantworten und zwar nicht durch Handzeichen, sondern durch Aufstehen. Gefragt wurde etwa nach Tarifverträgen, Veränderungen bei Schichtarbeit, Größe der Belegschaft, Einfluss moderner Technologie auf das Privat- und Berufsleben und inwieweit NGG Letzteres beeinflussen kann sowie zur Anzahl der Auszubildenden und Jugend- und Auszubildendenvertretungen im Betrieb.

Schwierige Überzeugungsarbeit

Martina Weber, Betriebsratsvorsitzende bei der Kulmbacher Brauerei und Tarifkommissionsmitglied bayerische Brauereien, sprach über die Schwierigkeiten, das Schichtmodell zu verändern, um der vielen Überstunden Herr zu werden: „Dies ist ein ganz schwieriges Unterfangen. Mittlerweile ist auch die Geschäftsführung bereit, Personal einzustellen, nachdem wir uns viel Jahre immer mit der gleichen Personalstärke und mit Überstunden ohne Ende durchgehangelt haben. Der Haken ist, unsere Stammmannschaft nach gefühlten 50 Jahren, in denen sie im Schichtsystem gearbeitet hat, davon zu überzeugen, dass für bessere Planbarkeit, für mehr Freizeit, für die Rückkehr zur 38-Stunden-Woche oder auch für die Einhaltung der Ruhezeiten zwischen den Schichten eine Änderung des Schichtmodells nötig ist. Es ist auch auf Arbeitnehmerseite schwierig, Überzeugungsarbeit zu leisten und die Leute mitzunehmen. Wobei man sagen muss: Den jungen Leuten, die jetzt nachgerückt sind, ist eher an Freizeit als an Wochenendarbeit gelegen.“

„Wir wollen wachsen“

Den unter großer ehrenamtlicher Beteiligung ins Rollen gebrachte Organisationsentwicklungsprozess bei NGG stellte die zuständige Projektsekretärin Esther Wiebel vor. „Unser Hauptziel: Wir wollen wachsen, also mehr Mitglieder gewinnen und uns intern so weiterentwickeln, dass wir das hinkriegen.“ Wichtige Aspekte dabei seien regionsübergreifende Rechtsberatung, intensive Betriebsbetreuung sowie Mitgliederwerbung und Betriebsrätegründung in noch nicht erschlossenen Betrieben.

„Viele von uns wussten gar nicht, was Gewerkschaft überhaupt ist“

Orry Mittenmayer, Student der Politikwissenschaften und Mitinitiator der Initiative „Liefern am Limit“, berichtete von den harten Arbeits- und Entlohnungsbedingungen für die „Rider“, also Fahrer bei Essenslieferdiensten wie Deliveroo, Foodora und Lieferando: „Viele von uns wussten anfangs gar nicht, was Gewerkschaft und Betriebsrat überhaupt ist. NGG hat uns mit Engelsgeduld erklärt, wie wichtig das ist. NGG ist gerade der einzige gewerkschaftliche Akteur, der da in die Plattformökonomie reingeht.“ Er selber sei zwar kein Rider mehr, engagiere sich aber noch bei der Online-Kampagne ‚Liefern am Limit‘: „Social Media ist heutzutage ein Mittel, um Unternehmen auch treffen zu können.“

„Ein bisschen jünger, lebendig, bunt, sehr aktiv und stark“.

Als wichtige Themen für junge Menschen benannte Philipp Hoffmann, Betriebsratsmitglied bei Homann Dissen und seit vorgestern Vertreter der Jugend im NGG-Hauptvorstand: „kurzfristig eine gute Ausbildung und ein guter Berufsbeginn, mittelfristig ein vernünftiger Job mit vernünftiger Bezahlung, aber trotzdem noch Zeit für sein Leben, seine Familie, und langfristig eine gute Rente“.

Eine besondere Bedeutung komme überdies den Jugend- und Auszubildendenvertretungen (JAV) als „Experten für die Rechte in der Ausbildung“ zu: „Deshalb sollte der Betriebsrat die JAVen noch mehr einbeziehen. Sie sind die Betriebsräte von morgen.“ Um mehr junge Mitglieder zu werben, regte er an, vermehrt spezielle Aktionen und Veranstaltungen vor Ort in den Regionen anzubieten. Für die Zukunft wünsche er sich eine NGG, die „ein bisschen jünger, lebendig, bunt, sehr aktiv und stark ist“.

„Mensch vor Marge“

Protest von Nestlé- und Unilever-Beschäftigten

Foto: NGG

„Mensch vor Marge“: Unter diesem Motto haben Beschäftigte des Konzerns – im Schulterschluss mit Kolleginnen und Kollegen von Unilever – gegen Standortschließungen und immer höhere Rendite-Ziele demonstriert. Mit ihrer sauer-salzigen Aktion auf dem Gewerkschaftstag ernteten die Protestierenden starken Applaus. Denn sauer wie eine Zitrone sind nicht nur sie über den Profitkurs von Nestlé & Co. Und wenn´s – wie bei zu viel Maggi-Gemüsebrühe in der Suppe – zu salzig ist, dann schmeckt´s auch nicht. „People before profit“, hieß es am Tag 4 des Gewerkschaftstages. Denn weltweit sind Beschäftigte betroffen.

Hintergrund: Nestlé hat seine Rendite-Erwartung zuletzt von 16 auf 18,5 Prozent hochgeschraubt. Bei den  Kernmarken Maggi und Caro-Kaffee sollen bis zu 1.000 Arbeitsplätze wegfallen. Das Caro-Werk in Ludwigsburg dürfte noch in diesem Jahr geschlossen werden. Auch Unilever hat sein Gewinnziel auf 20 Prozent erhöht – und setzt damit Jobs und Werke massiv unter Druck.

Der Mensch muss vor der Marge stehen. Wir lassen uns nicht auspressen“, sagte der Nestlé-Gesamtbetriebsratsvorsitzende, Andreas Zorn.  Hermann Soggeberg, Vorsitzende des Unilever-Konzernbetriebsrats, stellte klar: „Unilever hat sechs Milliarden Euro Gewinn gemacht. Die wissen gar nicht, wohin mit dem Geld. Gebt es lieber den Beschäftigten!“ Hinter guten Nahrungsmitteln müssten fair bezahlte und sichere Arbeitsplätze stecken, so die beiden Betriebsräte. Die Branche riskiere mit einem reinen Gewinn-Fokus am Ende auch die Qualität der Produkte. NGG-Vorsitzender Guido Zeitler sagte der Presse: „Mit Nahrungsmitteln spekuliert man nicht. Und auch nicht mit den Arbeitsplätzen der Menschen, die sie produzieren.“